Dem besten Mäusejäger vis á vis

Eigentlich wollte ich mir einen Mai-Bock holen. Alles schien perfekt. Nach diesem wärmsten Tag im Mai konnte ich sogar am Abend im Hemd ansitzen. Die Schwarzwild-Kirrung wird regelmäßig auch vom Rehwild angenommen, soweit Rehe die leichteren unter den Buchenscheiben beiseite schieben können.

Dieses Mal war der Mais nicht ihr Ziel, sondern Maigrün. Links vom Ansitz wächst ein dichter junger Buchenwald heran. Ich wartete noch keine halbe Stunde, als sich im dichten Laub einige Zweige ruckartig bewegten. Von der Bodenhöhe her konnte es nur ein Reh sein, das an den Spitzen äste. Allerdings blieb es heimlich, gab mir keine Chance zum Anblick. Nach längerem Gezupfe bewegten sich die Zweige nicht mehr. Stille – bis gegen 21 Uhr. Plötzlich, mit Einsetzen der Dämmerung, ein unerwartetes Bild…

Lautlos rauschte ein großes braunes Etwas unterhalb der hohen Buchenkronen vorbei, äußerst wendig und fast ohne Flügelschlag. Kurz darauf ein zweites Etwas. Dann noch eins in entgegengesetzter Richtung aber dicht über dem Boden. Welche Vögel das waren, konnte ich zwar ahnen, war mir aber nicht sicher.

Das Rätsel löste sich, als eines der Tiere auf einem Ast gegenüber sitzen blieb. Das Glas bescherte mir einen unvergesslichen Anblick. Vor mir saß ein ausgewachsener Waldkauz und äugte rührungslos herüber. Auch ich hielt mein Glas äußerst ruhig, kein Reflex sollte den Kauz irritieren. So schauten wir minutenlang einander an. Ganz wenig drehte er seinen Kopf nach rechts und links – vielleicht um mich besser zu orten. Er äugte auch mal Richtung Waldboden. Es könnte eine Maus im Laub geraschelt haben. Doch als ich vorsichtig mit der Zunge schnalzte, äugte er wieder gezielt zu mir.

Unsere stumme Zwisprache währte noch ein ganze Weile, während seine Artgenossen unermüdlich im Tiefflug den Boden nach Mäusen absuchten. Dann verschwand „mein“ Kauz aus dem Glas. Lautlos war er vom Ast geglitten und segelte nach eleganten Flügelschlägen zu seinen hungrigen Artgenossen. Das Revier gehörte mir also nicht allein.

Die Nager stellen oft bis zu drei Viertel der Waldkauz-Nahrung – obwohl er, wenn es sein muß, auch größere Tiere wie Kaninchen, Eichhörnchen und Ratten greift. Das leiseste Geräusch verrät dem Vogel, wo sich gerade ein Beutetier bewegt. Dann ändert er abrupt die Flugrichtung und steuert darauf zu.

Wahrscheinlich hat das ruhige Verhalten „meines“ Kauzes nicht einmal mir gegolten. Im Gegenteil, von seinem Beobachtungsposten aus hat er – dem Jäger gleich – eine vielversprechende Stelle im Revier beobachtet. Bis zu einer Stunde lang kann ein Kauz geduldig Ansitzen. Nach wissenschaftlicher Untersuchung soll ein Kauz pro Nacht bis zu vier Mäuse erbeuten.

Neben dem schönen Naturerlebnis fand ich noch eine Genugtuung: Die erbeuteten Nager würden mir nicht mehr Nacht für Nacht den Mais reduzieren.

WA

(fotos: pixabay)

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