Aller Anfang braucht Geduld

Von klein an hat der Wald auf mich große Faszination ausgeübt. Für den Harzer Buben hinterließen die Ausflüge am Wochenende bleibende Erinnerungen. Das Bodetal zwischen Thale und Treseburg, die Hochmoore am Brocken, das idyllische Selketal bei Meisdorf oder die Felsgestalten der Teufelsmauer… mit diesen Bildern verbinden sich die ersten Anlicke von Rehen, eines Rotmilans, Feuersalamandern, Fuchs, Hasen und einer Schwarzkittel-Mama mit Frischlingen. Gern wäre ich Förster geworden, es sollte nicht sein.

Nach einem stressreichen Berufsleben, das weit über das normale Rentenalter hinausreichte, versuche ich in den noch bleibenden aktiven Jahren nachzuholen, was versäumt ist. So habe ich mit 76 Jahren eine Jagdschule besucht und die Jägerprüfung auch im ersten Anlauf bestanden. Noch während der Ausbildung meldete ich bei der Behörde meinen Wunsch an, nach der Prüfung ganz schnell einen Jagdschein zu bekommen. Der Sachbearbeiter verstand mich und hat die Zuverlässigkeitsabfrage schon mal auf den Weg gebracht. Glück hatte ich auch bei der Suche nach einem Revier in der Nähe. Es liegt sogar vor der Haustür just in dem Wald, in dem meine Frau und ich, früher auch gemeinsam mit den Kindern,  oft gewandert sind.

Mit Büchse auf der Schulter, Glas vor der Brust und Jagdrucksack kann ich nun aus der Haustür ins Revier gehen. Allerdings hat es sieben Monate bis zum ersten Waidmannsheil gedauert. Zwar gab es etliche Male Anblick von Reh- und Schwarzwild, es brauchte aber Zeit, bis ich zum Schuss kam. Mal war die Nacht für ein sicheres Zielen zu dunkel, mal kein Kugelfang gegeben, oder das Stück stand nicht frei.

In unserem Revier, bestehend zu einem Drittel aus Wald und zwei Dritteln aus Feldflur hat die Jagd 14 An- und Hochsitze. Mit der Schönheit eines Harzrevieres kann es zwar, auf den ersten Eindruck hin, nicht mithalten. Doch seine Schönheit eröffnet sich beim zweiten Blick. Warum ich unser 350 Hektar-Revier so liebe ist rasch erklärt: ich mag die Feldflur mit ihren zahlreichen Saumzonen und den Überwald, der auf der Höhe das Ortsbild begrenzt. Im Wald gibt es hauptsächlich Buchen und Eschen, in der Mehrzahl schlanke Bäume aus der Nachkriegszeit. Nur wenige Hochbetagte haben den letzten Krieg überlebt; im 2. Weltkrieg verlief hier direkt die Front. Beinahe alle wuchtigeren Bäume sind „kriegsversehrt“, haben Granatsplitter im Stamm, und die Holzfäller müssen mit ihren Motorsägen höllisch aufpassen. Zwischen den Bäumen laufen, noch heute gut erkennbar, die alten Schützengräben – sie könnten sicher so manche Geschichte erzählen.
Der Wald auf der Höhe über dem Dorf ist mir der liebste Revierteil, jenseits des Waldsaums verläuft die Feldflur des Nachbarreviers. Die Reviergrenze ist Jahrhunderte alt – vom wechselvollen Besitztum der Gemarkungen zeugen die Grenzsteine.

Während der Monate bis zum ersten Waidmannsheil hat mich ein paar Mal ein erfahrener Jäger in seinen Pirschbezirk mitgenommen. Als er mir am Telefon das Angebot machte, stellte er sich zu meiner Überraschung als einer der Prüfer bei der Jägerprüfung vor. Durch seine großartige Geste mir, dem ältesten Jungjäger des Landes, gegenüber, lernte ich erst, welche Geduld einem Jäger abverlangt wird. Mehrmals saßen wir erfolglos auf Schwarzwild an. Noch nicht vollkommen ausgerüstet, durfte ich durch sein zweites Glas meine Augen „wundsehen“. Eine Büchse hatte ich nicht dabei. Es war kein guter Mond, nichts bewegte sich an der Kirrung, und trotzdem war ich erregt. Wie würde es sein, wenn nun tatsächlich eine Sau anwechselte? Wie lange würde sie sich aufhalten? Oder würde gar eine ganze Rotte auftauchen? Für eine Bache mit Frischlingen war im November nicht die Zeit, es sei denn, sie wären bereits künftige Überläufer. Nichts geschah. Und doch war ich nicht enttäuscht. Der Wald duftete  nach Herbst und Moder, er starb, um im Frühjahr zu neuem Leben zu erwachen. Nicht mehr lange und der Waldboden würde angezuckert sein. Es waren lehrreiche Stunden, deren Stille einzig durch die Geräusche einer nahen Landstraße unterbrochen wurde.

Ein anderes Mal durfte ein ehemaliger Mitschüler zum gemeinsamen Ansitzen. Er hatte mehr Glück und berichtete von einem 50-Kilo Keiler, der zur Strecke kam. Bergen und Aufbrechen hätte auch ich gern erlebt.  Mein Pech bestärkte meine Zuversicht, die ich für die Ausdauer auf „meinem“ Ansitz brauchte. Mehrmals mußten wir Jagdkollegen im „eigenen“ Revier Wildschäden beseitigen. Mehrmals hatten die Kollegen großen Jagderfolg, und ebenso oft packte ich nachts um Eins oder Zwei den leeren Rucksack ein und baumte ab – unverrichteter Dinge!

Wie ich dennoch zu meiner ersten Trophäe kam, steht hier.

Foto: pixabay

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