Nach Blitz und Donner

Es ist Anfang Juni, zwei Tage vor Vollmond, schreibt Peter und weiter: Den Tag über hatte es heftig gestürmt und geschüttet, aber jetzt, am frühen Abend reißt die Wolkendecke auf, die Sonne strahlt auf die blankgeputzte Landschaft, die Luft ist klar, über der am Tag zuvor gemähten Wiese verdampft die Feuchtigkeit des Regentages und in der Luft liegt ein würziger Duft. Ich richtete Rucksack und Büchse.
Als ich abends gegen halb Neun den Ansitz erreiche, schlägt das Wetter um. Schwarze Wolken verdecken in schnellem Wechsel das letzte Licht. Mondaufgang war zwar bereits am Nachmittag, aber durch den dunklen Vorhang dringen weder die späte Abendsonne noch der frühe Mond. Hoffentlich beruhigt sich das ganze. Noch  erfasst eine Böe die nächste, schwanken die Baumkronen, platscht der Regen aufs Kanzeldach. Ganz in der Nähe bricht ein Ast und schlägt direkt vor der Leiter auf. Beim Anblick der Buchenwipfel wird es mir mulmig. Sollte ich sicherheitshalber abbaumen oder darauf hoffen, daß sich Böen und Regen bald wieder legen?

So ist es dann auch. Mit dem Mondlicht erkenne ich die Baumscheiben im Altlaub. Darunter hatte ich am Nachmittag frischen Mais ausgelegt. Drei solche Kirrplätze liegen als Kette quer im Schussfeld. Mit dem abflauenden Wind werden die Waldkäutze mutig. Lautlos schweben sie zwischen den Stämmen hindurch. Obwohl der Wald jetzt ganz still geworden ist, höre ich nicht das leiseste Fluggeräusch. Auf leisen Sohlen schleicht ein Schmalzmann zu den Kirrplätzen. Auch Dachse mögen Mais. Lange bleibt er nicht.

In der anschließenden halben Stunde sehe ich außer den Lichtern der Straßenlaternen vom Ellerkopp nichts. Es ist stockdunkel geworden. Mit einem Male jedoch erscheinen auf dem Waldboden helle Flecke. Der Mond steht über dem Mahlbaum, einer hochbetagten Fichte. Es ist nicht so, daß der Wald jetzt hell wäre, nein, durch die Baumkronen fällt die Helligkeit nur portionsweise auf den Waldboden. Langsam bewegt sich der Himmelstrabant. Ehe ich mich versehe, schlägt es aus dem Nachbardorf 23 Uhr. Dort darf noch jede Nacht geläutet werden. Hier im Ort ist es aus Rücksicht auf Schichtarbeiter untersagt. Und dann…

Ein dumpfes Rollen kommt aus der Ferne. Mir wird plötzlich ganz anders. Innerhalb weniger Minuten erlischt der Mond. Ein heftiges Gewitter bricht los, gefolgt von Böen und Wasserbächen. Keine Chance, jetzt die Kanzel zu verlassen. Blitze werfen Schlaglichter und Schlagschatten mal von rechts, mal von links an den Stämmen vorbei. Knapp zwanzig Minuten dauert der Weltuntergang. Der Wind peitscht Sprühnebel in die Kanzel. Die Büchse steht geschützt in der Ecke, über der Mündung ein Gummihandschuh. Auch die Zieloptik habe ich zur Sicherheit abgedeckt. Etwa um halb Zwölf beruhigt sich das Wetter und ich packe meine Siebensachen zusammen. Jetzt zu bleiben, scheint mir zwecklos. Ich baume ab und ziehe durch die nassen Jungbuchen Richtung Auto.

Der Himmel ist wieder offen und mir stockt der Atem. Auf der Wiese, die ich überqueren muß, brechen Sauen. Entfernung etwa 80 Meter. Ich erkenne eine Bache mit Frischlingen und zwei Überläufer-Keiler. Noch haben sie mich nicht wahrgenommen. Zum Auto muß ich an ihnen vorbei. Vielleicht sollte ich mir einen Überläufer mitnehmen? Aber es gibt ein Problem. Der Zielstock liegt zu Hause. So leise wie möglich nehme ich den Rucksack vom Rücken, lege ihn ins klitschnasse Gras. Eine bessere Auflage fürs Gewehr gibt es weit und breit nicht. Lang ausgestreckt nehme ich einen der Überläufer ins Visier, setze den Rotpunkt aufs Blatt, könnte den Finger krümmen… In dem Moment schiebt sich ein Kraftpaket ins Bild. Die Bache. Sie zu erlegen wäre Jagdfrevel. Oh Diana! Du warst mir so hold. Bitte sei noch einmal freundlich!

Mein Zeiss-Conquest sucht ein neues Ziel. Nein, es ist kein neues, es ist nach wie vor der gut einjährige Keiler. Ich warte bis er quersteht. Rotpunkt aufs Ziel setzen und langsam durchziehen. Als ich nach dem Mündungsblitz wieder sehen kann, ist die Rotte verschwunden. Ich richte mich auf und nehme das Zweiäugige. Ich muß nicht lange suchen. Durch das Glas erkenne ich den dunklen Klumpen in der Wiese. Ich repetiere eine neue 308 in den Lauf und warte. Nach einer knappen Viertelstunde gehe ich zum Stück. Trotz meiner unglücklichen Position saß der Schuss exakt.

Nach gut einer Stunde hängt der Überläufer-Keiler aufgebrochen in meiner Wildkammer. 32 Kilo bringt er auf die Waage. Danke Diana!

(foto: pixabay)

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