Wilde Jagd der Zwölfnächte

Zur Mitte der Zwölfnächte, nämlich zu Silvester, sollte die wilde Jagd aufbrechen. In dieser Zeit steht nach altem Volksglauben das Geisterreich offen, und die Seelen der Verstorbenen sowie die Geister haben Ausgang. Dämonen können Umzüge veranstalten oder mit der wilden Jagd durch die Lande ziehen. Bis in die jüngere Zeit war in weiten Teilen Europas der Glaube verbreitet, dass sich zauberkundige Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten, zu dieser Zeit in Werwölfe verwandelten und in dieser Gestalt Mensch und Vieh bedrohten.

Eine Herleitung des Wortes Rauhnacht vom traditionellen Beräuchern der Ställe mit Weihrauch durch den Priester oder den Hofbauern ist zwar in der Fachliteratur durchaus anzutreffen, es handelt sich dabei mutmaßlich um eine sekundäre Umdeutung im Zuge der Christianisierung der als älter vermuteten Zwölfnachts-Bräuche. Diese Interpretation ist ebenfalls recht alt, schon Johannes Boemus (1520) und Sebastian Franck (1534) berichten über das Beräuchern: „Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.“

Im Frühchristentum war das Geburtsfest Christi relativ unbestimmt. Erst Karl der Große machte in Mitteleuropa um 800 das Weihnachtsfest zum Kirchenfest; wer die alten Riten, das heidnische Julfest feierte, wurde mit dem Tod bestraft. In den folgenden Jahrhunderten haben sich das lokale und das christliche Brauchtum so eng ineinander verwoben, dass heute nicht mehr festgestellt werden kann, welche Aspekte des Rauhnachtswesens aus der vorchristlichen Zeit stammen.

Nach altem Volksglauben sind die Rauhnächte auch für das Befragen von Orakeln sehr geeignet. Im Silvesterbrauchtum wird dieser Glaube – wenngleich in erster Linie aus Geselligkeit – in Form des Bleigießens bis heute weiter gepflegt.

Kinder, die an einem Samstag während dieser zwei Wochen geboren wurden, besaßen nach Auffassung der meisten europäischen Völker magische Kräfte. Wer tagsüber geboren wurde, konnte Geister und wiederkehrende Tote sehen und bekämpfen, musste aber auch die Verstorbenen auf den Friedhof schleppen und ihnen ihr künftiges Grab zeigen. In Westeuropa stellte sich mit dem sich ausbreitenden Christentum ein Wandel ein, da der wöchentliche Feiertag der Christen der Sonntag ist. Daher sprach man von Sonntagskindern, die geistersichtig seien, in die Zukunft schauen könnten und Glück brachten. Im orthodoxen Raum spricht man heute noch vom Samstagskind (serbisch: subotnik oder griechisch: sabbatianos). Sie sind in den Sagen Südosteuropas die Vampirjäger, während die zum Dasein als wiederkehrender Untoter verdammten Menschen meistens in einer Nacht zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar geboren wurden. Besonders gefürchtet war die Geburt eines Kindes am Weihnachtsabend (nach orthodoxer Zeitrechnung), weil dies als Verhöhnung der Geburt Christi betrachtet wurde.

(Quelle: deacademic.com)

Beitragsfoto: pixabay.com

(Visited 103 times, 1 visits today)