Jagdfieber

Als Jäger bin ich ein Versager. Mein Jagdherr verlangt, ich soll ein Wildschwein schießen. Nun sitze ich vier Meter über dem Waldboden und starre in die Nacht, die schwarze. Mond verschwunden, die Kälte frisst sich durch die Angorawäsche, die Finger werden steif. Wann kommt die Sau?

Ein Schatten an der Kirrung. Schwarzkittel? Oder ein Ungeheuer, dass jeden Augenblick Richtung Ansitz stürmt? Der Versager klammert sich an seine Büchse, fühlt den Revolver neben sich, weiß, im Rucksack steckt das Waidblatt, frisch geschliffen. Gottlob, der Schatten entpuppt sich als Trugbild im Nebel.

Der Traum vom großen Jagdabenteuer gehört in eine andere Welt. Die liegt lange hinter mir. Früher wurde ich gefragt, wann ich meine letzte Sau geschossen hätte, später blieb die Fragerei aus. Trotzdem verbringe ich nächtelang draußen. Große Naturerlebnisse, kleine Abenteuer, ab und an Gänsehaut. Ich habe akzeptieren gelernt, dass ich nur ein bescheidener Scheißer von Jäger bin. Ein kleiner Jägerkacker, sozusagen – ohne Macht über Leben und Tod.

So wie ich noch weniger Macht über den Lauf der Weltgeschichte habe. Ich bin schließlich kein Napoleon und schon gar kein Pol Pot. Auch wenn ein Revolver neben mir liegt, werde ich die Welt nicht in Brand stecken. Ein wenig friedlicher wäre ganz nett, aber nicht unbedingt egalisierter. Diese Tendenz stinkt mir. Ganz heimlich bewegen mich andere Träume. Ich würde gern einen Flughafen bauen, der endlich funktioniert oder auch einen Bahnhof, auf dem tief unter dem Pflaster sich Menschen die Hände reichen, umarmen, Abreisenden nachwinken.

Nein, das Klima retten muss ich nicht. Bäume brauchen Kohlendioxid. CO2 ist kein gefährlicher Stoff, sondern ein wichtiges Molekül des Lebens, nichts, was aus der Atmosphäre entfernt werden muss. „Treibhausgase“ braucht der Wald, aber keine Dekarbonisierung. Was soll der Scheiß? Wer sich mit Kohle eine warme Stube machen will, soll das tun. Ich heize mit Holz. Dreißig Raummeter liegen hinterm Haus. Kohle ist Holz. Kohle ist vor Millionen Jahren aus Wäldern entstanden. Deutschland hat für Jahrzehnte genug davon in der Erde, könnte Strom erzeugen, Hochöfen befeuern und brauchte kein Erdöl, um Benzin herzustellen. Stattdessen wird mit CO2-Zertifikaten gehandelt und die Kohle muss absaufen. Wie wir auf die Weise Importabhängigkeiten vermeiden sollen, bleibt ein Rätsel.

Auf Klimakonferenzen werden immer neue Ziele gesteckt. Sie sprechen von „deep decarbonization“, wollen die Energiesysteme radikal verändern. Man redet von Nachhaltigkeit. In Deutschland wird auf 2,3 Millionen Hektar Mais angebaut für 6000 Bioreaktoren. Auf Flächen, wo zuvor Wildtiere und -pflanzen gelebt haben, muss Jahrzehnte lang Unkraut vernichtet und gedüngt werden.

Nichts ist zu Ende gedacht. Dekarbonisierung auch durch Wind- und Solarenergie. Keine jener alternativen Systeme hat einen Wirkungsfaktor von 1:1. Ihre Leistung liegt unter dem Energieeinsatz, der für die Herstellung ihrer Komponenten aufgewendet werden muss. Man braucht mit Wind- und Solarkraft mehr Energie als rauskommt. Die klaffende Lücke dürfen die Deutschen nach dem EEG mit 25 Milliarden Euro füllen, Tendenz steigend.

Steigende Tendenz auch bei meinem Adrenalinspiegel. Vorn im Gebüsch hat es geknackt. Diesmal keine Fata Morgana, nein eine Sau, ein starker Keiler, 80 Kilo bestimmt. Endlich! Mein Lebenskeiler…

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